Grenzwerte für Corona-Schutzmaßnahmen orientieren sich seit jeher an der Sieben-Tage Inzidenz der Corona-Neuinfektionen. Die kann man allerdings auf verschiedene Arten berechnen. Das Robert-Koch Institut (RKI) wird nun, vor allen in den „sozialen Medien“, für Melde-Schummelei gescholten. Dem ist aber gar nicht so. Hier ein paar Fakten.

Grafik des RKI zur Corona-Inzidenz im Zeitverlauf.
Die Corona-Inzidenz im Zeitverlauf. Die Grafik entstammt aus dem täglichen Lagebericht des RKI (hier für den 5. Mai). Sie zeigt die Inzidenzen nach Meldedatum. Man beachte die Bildunterschrift. (Grafik: RKI)

Worum geht es?

Mit der „Bundes-Notbremse“ wurden neue Grenzwerte festgelegt. Und damit jeder die Entwicklung der Lage verfolgen kann, wurde auch festgelegt, wo man die Grenzwerte nachlesen kann. Nämlich unter www.rki.de/inzidenzen. Dieser Link steht so im Gesetz [§28b (1)]. Im Gesetzentwurf wurde zunächst noch auf das RKI Corona Dashboard verwiesen. Vermutlich da dieses nur den aktuellen Tag anzeigt, wurde der neue Link geschaffen, unter dem auch vergangene Werte abrufbar sind. Das RKI hat dazu eine Tabelle erstellt, unter der die jeweiligen Werte aus dem Tagesbericht fortgeschrieben werden. So weit, so gut.

Nun muss man wissen, dass im Tagesbericht immer unvollständige Daten vorhanden sind. Aus verschiedensten Gründen kommt es zu gewissen Meldeverzögerungen. Gerade am aktuellen Tag ist die Inzidenz immer niedriger, da manche Fälle erst am Folgetag gemeldet werden. Das hat viel mit der (fehlenden) Digitalisierung in (vielen) Kreisen zu tun. Dieser Zustand ist nicht neu, und auch das RKI hat immer schon im Tagesbericht darauf hingewiesen (siehe Bildunterschrift in der Grafik oben).

Wie das Problem sichtbar wurde…

In der letzten Woche hat das RKI als zusätzlichen Service auch diese aktualisierten Daten (die „echte“ Inzidenz) unter www.rki.de/inzidenzen angeboten. Als zweite Tabelle. Damit war nicht mehr ganz eindeutig, welcher Wert für das IfSG zu verwenden ist. Das wiederum hat zu Rechtsunsicherheiten geführt.

Kurz darauf wurde vom RKI daher explizit darauf hingewiesen, dass nur die erste Tabelle, also die mit den täglichen Daten des Lageberichts („eingefrorene“ Werte lt. RKI), rechtlich bedeutsam ist. Stunden später wurde die zweite („aktualisierte“) Tabelle dann an neuer Stelle veröffentlicht. Nun wird auf diese Tabelle nur noch verlinkt. (Update 19:50: jetzt ist der Link weg und die Adresse der Seite hat sich erneut geändert.)

Jetzt auf einmal begann laute Empörung am Vorgehen des RKI. Man „trickse“ dort, veröffentliche „Gefälligkeitswerte“ und arbeite unseriös. Interessanterweise kam die Kritik teilweise auch von Menschen, die es eigentlich besser wissen müssten.

Gibt es nun einen Skandal?

Ein ganz klares „Nein!“. Hier wird etwas skandalisiert, dass seit jeher genau so ist. Jeder, der sich ernsthaft mit dem Thema auseinander setzt, kennt die Problematik der Inzidenz-Berechnung. Und weiß auch, dass der aktuelle Tageswert immer um gut 10% zu niedrig ist. Auch das RKI hat nie versucht, das zu verheimlichen – es steht seit Monaten im jedem Tagesbericht (nochmal: siehe Grafik oben).

Wer jetzt genauer wissen möchte, wie man die Sieben-Tage-Inzidenz berechnet, der lese einmal hier nach (die letzte Aktualisierung des Artikels ist übrigens von Oktober 2020).

Wir können also zunächst einmal festhalten: beim RKI hat sich rein gar nichts an den Zahlen geändert. Was sich geändert hat, ist, dass auf einmal mehr Menschen bewusst geworden ist, dass der offizielle Inzidenz-Wert niedriger ist, als der reale.

Gibt es denn nun ein Problem?

Ja, natürlich, aber immer schon: die offizielle Inzidenz ist für viele Kreise, Bundeländer und immer für ganz Deutschland niedriger als die Reale. Bei beispielsweise der Bundesnotbremse kann es daher passieren, das Lockerungen erfolgen, obwohl die „echte“ Inzidenz das eigentlich noch nicht ermöglicht. Das erzeugt außerdem Irritationen.

Ist das ein echtes Problem?

Jein – es kommt ein wenig darauf an.

Zunächst einmal muss man festhalten, dass die Inzidenz ohnehin kein glasklarer und unstrittiger Wert ist. Aus der öffentlichen Diskussion dürfte zum Beispiel bekannt sein, dass sie sich (natürlich) auch mit der Anzahl der Testungen verändert. Insofern ist auch jeder Grenzwert nie wirklich scharf.

Das Problem der aktualisierten Werte („echte Inzidenz“) ließe sich leicht beheben: man müsste nur den Vortag als Referenzwert nehmen, anstelle des aktuellen Tages. Denn dieser Wert ist schon deutlich solider.

Alternativ könnte man auch alles so lassen wie bisher und einfach die Grenzwerte anpassen. Da wir grob über 10% sprechen, könnte man auch eine Inzidenz von 90 anstelle 100 benutzen.

Vielleicht ist das ja sogar geschehen, und die Inzidenzen des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) sind in Kenntnis des Meldeverzugs so gewählt, wie sie gewählt sind. Denn, wie gesagt, die Tatsachen sind lange bekannt. Da die IfSG-Grenzwerte jedoch ohnehin jeder wissenschaftlichen Basis entbehren (sie sind viel zu hoch), ist diese Überlegung eigentlich auch wieder egal. Im Endeffekt ist hier wohl einfach ein Kompromiss im „politischen Raum“ getroffen wurden, der sich nicht nur an Sachargumenten orientiert.

Man sieht also: es gibt viele vernünftige Möglichkeiten, mit den Zahlen umzugehen. Letztlich kommt es aber darauf an, wozu Politik in der Lage und Willens ist. Das RKI kann allerdings dafür nun aber wirklich genau gar nichts.

Dann ist also alles OK?

Nun ja, ein Problem gibt es tatsächlich. Ein Ernsthaftes und auch seit langem Bekanntes. Leider gibt es Kreise und auch Bundesländer, die, so hat man den Eindruck, durch Meldeverzögerungen Inzidenzen schönfärben. Wirklich so sagen kann man das natürlich nicht. vielleicht liegt es ja auch an fehlender Digitalisierung des Meldewegs. Das RKI, und übrigens auch die MPK, fordern schon lange die Umstellung auf rein digitale Meldung. Hätte die Jeder, gäbe es (fast) keine Meldeverzögerungen. Leider ist in vielen Kreisen immer noch das Fax das Mittel der Wahl.

Schauen wir uns einmal drei Beispiele an.

Hamburg

Besonders schön und eindeutig ist Hamburg. Dort meldet man eigentlich fast immer mit einem Tag Verspätung. Entsprechend wird dort die Summe von sechs Tagen durch sieben geteilt – der Wert ist also immer um ein Siebtel zu niedrig. Das sieht dann so aus:

Die Entwicklung der Corona-Inzidenz in Hamburg (Grafik: Rainer Gerhards, Daten: RKI)

Man sieht hier dauerhaft einen recht großen Abstand zwischen dem aktualisierten und eingefrorenen Wert. Interessanterweise verwendet Hamburg intern einen anderen, höheren und realistischeren, Inzidenz-Wert für die eigenen Maßnahmen. Warum man es nicht schafft, die Werte zeitnah ans RKI zu übermitteln, ist allerdings nicht ersichtlich. Alleine Hamburg, durch seine Größe, verfälscht so übrigens auch den Bundeswert sichtbar.

Region Hannover

Im Mittelfeld haben wir dann Kreise wie die Region Hannover:

Die Entwicklung der Corona-Inzidenz in der Region Hannover (Grafik: Rainer Gerhards, Daten: RKI)

Dort wird „zackig“ gemeldet. Auch wenn vielleicht kein System dahinter steht: mit solchem Meldeverhalten kann man Schutzmaßnahmen verhindern. Hier kann also durchaus der Eindruck von politisch gewollten Meldeverzögerungen entstehen. Hannover ist dabei übrigens wirklich nur „ein“ Beispiel für viele Kreise, die das auch so oder ähnlich machen.

Main-Tauber Kreis

Und dann gibt es Kreise wie den Main-Tauber Kreis, die immer schon sehr zeitnah melden. Dort sind die Abweichungen zwischen den Inzidenzen daher auch nur sehr gering:

Die Entwicklung der Corona-Inzidenz im Main-Tauber Kreis (Grafik: Rainer Gerhards, Daten: RKI)

Die (wenigen) Abweichungen ergeben sich im Regelfall nur dann, wenn etwas kurz vor Meldende passiert – oder sonst einmal irgendwo (Labor, Kreis, Landesgesundheitsamt, RKI) echte Probleme auftreten. Zum Beispiel technische Schwierigkeiten im Meldeweg (gibt es zwischen den Landesbehörden und RKI immer mal wieder). Auch der Main-Tauber Kreis steht nicht alleine. Es gibt viele Kreise, die ordentlich melden. Möglich ist es also schon…

Wer sich nun für einen ganz bestimmten Kreis interessiert, findet alle Daten unter diesem Link.

Fazit

Dem RKI ist kein Vorwurf zu machen. Es erfüllt seinen Auftrag und meldet korrekt. Die „große“ Politik könnte das Problem der Meldeverzögerung wie oben beschrieben leicht lösen – oder ersatzweise einfach besser kommunizieren. Das wäre sicherlich anzuraten.

Kritisch sehen wir aus unserer Sicht jedoch das uneinheitliche Meldeverhalten der Landkreise. Aus unserer Sicht wäre es dringend nötig, dass alle Kreise sehr, sehr zeitnah melden. Möglich ist das, wie viele Beispiele zeigen. Das es nicht geschieht, ist aus unserer Sicht das eigentliche Versäumnis.


Weitere Informationen rund um Covid-19 (Corona, SARS-CoV-2), auch im Main-Tauber Kreis, gibt es auf der Übersichtsseite zu Coronavirus in Großrinderfeld und Main-Tauber Kreis.
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Informationen zu Corona-Mutationen in Baden-Württemberg finden Sie hier.