Präsenzveranstaltungen? Ungerne…

An diesem Artikel schreibe ich nun schon eine ganze Weile immer mal wieder – und irgendwie kommt jedes Mal etwas dazwischen. Heute muss er aber fertig werden. Ganz besonders, nachdem nun fast überall möglichst umfassende Lockerungen der Corona-Beschränkungen in Mode kommen.

Sitzung des Gemeinderats Großrinderfeld am 12. Mai 2020
Eine Präsenzveranstaltung, die sich (aufgrund der aktuellen Rechtslage) nicht verhindern ließ: Sitzung des Gemeinderats Großrinderfeld am 12. Mai 2020. In Corona-Zeiten immerhin mit viel Platz und Hygienemaßnahmen in der Turnhalle. Viele andere physische Treffen sind aber bei genauer Prüfung nicht zwingend notwendig. (Foto: Rainer Gerhards)

Warum ich diese nicht nur von mir als „Lockerungs-Wettlauf“ wahrgenommene Situation für problematisch halte ist das Thema für einen anderen Tag. Es bestärkt mich aber darin, einmal klar zu machen, warum ich Präsenzveranstaltungen für kritisch sehe und sie möglichst vermeide. Auch (und vielleicht gerade) heute sind physische Treffen nicht so risikolos, wie viele gerne glauben möchten. Ich denke daher, man braucht einen guten Grund, um sich aktuell in größerem Rahmen zu treffen.

Ich gebe es zu: ich halte das Corona-Virus für die größte Bedrohung in meiner bisherigen Lebenszeit. Ich bin überzeugt davon, dass wir damit vorsichtig und umsichtig umgehen müssen. Mir ist auch klar, dass es ganz andere Meinungen gibt. Das ist in einer Demokratie normal und auch gut so. Die Politik (im großen und kleinen) muss daraus einen für alle tragbaren Kompromiss erarbeiten.

Daher erhebe ich auch keinen Anspruch auf die alleinige Wahrheit. Aber trotzdem kann ich darlegen, worauf ich persönlich meine Handlungen basieren lasse. Mein persönliches Handeln muss nicht Jedem gefallen und braucht keinen gesellschaftlichen Konsens.

Ich treffe Entscheidungen und bilde mir Meinungen aufgrund von Fakten. Möglichst solchen, die in einem wissenschaftlichen Prozess gewonnen sind. Die Wissenschaft sagt ganz klar ein paar Dinge:

  • das Corona-Virus ist sehr gefährlich, da hoch ansteckend und führt in 20% aller Erkrankungen zu sehr schweren, langwierigen Folgen – bis hin zum Tod.
  • unser Wissen über das Corona-Virus ist noch sehr beschränkt, laufend gibt es neue Erkenntnisse über zusätzliche Infektionswege (Aerosol), zusätzliche Schädigungen (Herz-Kreislaufsystem, Multi-Organ Versagen) und neue stark Betroffene (Kinder?)
  • prinzipiell steigt das Risiko einer starken Lungenerkrankung mit dem Lebensalter – ab 60 spricht man Risikogruppen; wissenschaftlich betrachtet ist die Schwelle aber fließend
  • Personen mit Vorerkrankungen sind definitiv ebenfalls Risikogruppen
  • Medikamente oder eine Impfung gibt es noch nicht; eine flächendeckend verfügbare Impfung wird realistisch nicht vor Ende 2021 erwartet (18 Monate).
  • auch aktuell ist das Corona-Virus nicht besiegt – die Fallzahlen fallen, aber es gibt immer wieder Neuinfektionen – und lokal sogar größere Ausbrüche. Das Virus ist also nicht verschwunden.

Wir müssen uns also auf eine lange Zeit mit dem Virus einstellen. Das ist nicht einfach, aber mit der Natur kann man nun eben einmal nicht verhandeln – auch wenn mancher das zu glauben scheint. Wie gehe ich damit um? Die persönliche Situation ist wichtig. Bei mir heißt das:

  • Ich habe in der unmittelbaren Familie Personen aus Risikogruppen und auch aus Hochrisikogruppen. Das Corona-Virus dorthin zu tragen, wäre sicherlich fatal. Über den erweiterten Bekanntenkreis reden wir hier schon mal gar nicht…
  • Ich bin Mitglied des Gemeinderats Großrinderfeld und damit verpflichtet, z.B. an Ratssitzungen teilzunehmen – gesetzlich und auch moralisch den Wählern gegenüber. Gleichzeitig sind im Rat ebenfalls Mitglieder aus Risikogruppen. Ein Hereintragen von Infektionen ist sowohl für die gefährlich – kann aber auch die Verwaltung schwächen, sofern sich das Virus im Rathaus ausbreitet.
  • Auf der anderen Seite ist eine Gemeinderatssitzung, insbesondere in Innenräumen, auch eine durchaus aus Infektionssicht nicht unkritische Veranstaltung. Da hilft auch das „Abstand halten“ nach neuesten Erkenntnissen nur bedingt. Das gilt es auch beim Selbstschutz zu beachten.
  • Ich selbst habe mit großer Wahrscheinlichkeit auch ein erhöhtes Risiko bei einer Corona-Infektion
  • Ich bin Selbständig mit einer kleinen, aber hoch spezialisierten Software-Firma. Das heißt
    • ich bin für das Wohl meiner Mitarbeiter verantwortlich und für den Erhalt von deren Arbeitsplatz
    • ich nutze einige langjährige Dienstleister, für die wir nicht so ganz ohne Bedeutung sind
    • mit unseren Kunden stehen wir in einem partnerschaftlichen Verhältnis, wir sind gegenseitig aufeinander angewiesen. Unsere Kunde vertrauen darauf, das wir sie kontinuierlich in Ihren betriebswichtigen Anwendungen unterstützen können.

Kurz und knapp: es gibt eine ganze Reihe von möglicherweise fatalen Risiken in meinem Umfeld. Ich möchte aber weder Krankheiten in Risikogruppen tragen, noch den Arbeitsplatz meiner Mitarbeiter oder die Stabilität unserer langjährigen Partner gefährden. Und natürlich möchte ich auch weder selbst schwer erkranken (oder unter Spätfolgen leiden), noch möchte ich das meiner Familie zumuten.

Bei mir kommt dann erschwerend hinzu, dass ich eigentlich viele Kontakte ganz problemlos vermeiden kann: im Büro machen alle schon seit langem Home-Office. Das geht zum Glück bei uns sehr einfach, was natürlich die Sache sehr erleichtert. Auch im sonstigen Umfeld kann man, wenn man mal ehrlich ist, eigentlich so ziemlich alle Termine mit Videokonferenzen und anderen Mitteln weitgehend problemlos ausgleichen. Ich gebe zu: daran muss man sich gewöhnen. Ich mache das seit Jahren, mit Partnern aber auch Freunden rund um die Welt. Daher ist das für mich normal. Für Viele ist das bestimmt ungewohnt. Es ist aber alles nur Übungssache.

Last but not least habe ich auch weder schulpflichtige Kinder oder solche in KiTas – von daher gibt es hier auch keine zwingende Notwendigkeit für Corona-Infektionsrisiken. Auch Lokalpolitisches lässt sich übrigens sehr gut mit digitalen Mitteln erledigen.

Fazit: Präsenzveranstaltungen haben für mich persönlich ein hohes Risiko und bringen normalerweise wenig zusätzlichen Nutzen. Das mag bei anderen anders aussehen – aber jeder muss eben die Lage für sich selbst bewerten. Ich sage nicht, das meine Sichtweise die einzig richtige ist, aber sie ist die richtige zumindest für mich.

Generell würde ich aber jedem raten, sich noch einmal ernsthaft Gedanken über das mit Corona einhergehende Risiko zu machen. Und auch den Nutzen von physischen Treffen dagegen abzuwägen. Eben die Lage „für sich selbst zu bewerten“. Ist es sinnvoll, jetzt anzunehmen alles sei „mehr oder weniger normal“ – nur um dann in eine größere nächste Corona-Welle hineinzulaufen.? Eine Welle, die dann erst recht auch riesige wirtschaftliche Probleme verursachen kann?

Ich weiß – ich bin im „Club der Vorsichtigen“. Aber wenn die jetzt schweigen und nur den vermeintlich „Mutigen“ (oder Leichtsinnigen?) die Diskussion überlassen, dann wird das auch kein gutes Ende nehmen. Ich gebe aber zu: ich freue mich sehr, wenn man mich in 2 Jahren als „übervorsichtiger Angsthase“ betitelt – viel lieber ist mir das, als wenn ich recht behalte.

Beitrag teilen...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.